Diskussion: Programmierung
In einer stark digitalisierten Gesellschaft ist es von offensichtlichem Vorteil, über Programmierkenntnisse zu verfügen, schon um die Möglichkeiten und Chancen, aber auch Risiken dieser Entwicklung einschätzen zu können. Für alle, die einen geschichtswissenschaftlichen Hintergrund haben, ist daher der Einstieg in die Programmierung am Beispiel von historischer Forschung sicherlich hervorragend geeignet, Interesse zu wecken. Für tiefergehende Kenntnisse werden immer auch Tutorials und Fachliteratur aus dem Gebiet der Informatik notwendig sein, aber jede Beschäftigung mit einem Thema fällt leichter, wenn dies anhand bekannter und Interesse weckender Beispiele erfolgt.
Für die Geschichtswissenschaft eröffnen digitale Methoden neue Erkenntnismöglichkeiten. Entgegen der Prognose von Le Roy Ladurie muss dafür nicht jede*r Historiker*in programmieren können. Deutlich leistungsstärkere und preiswertere Hardware in Zusammenhang mit Innovationen in der Benutzerführung ermöglichen heutzutage einen sehr komfortablen Computereinsatz, in den meisten Fällen, ohne dabei selbst Programmcode schreiben zu müssen. Selbst für die Erstellung interaktiver Karten mit GISEin Geoinformationssystem (GIS) ist eine Software zur Verarbeitung, Speicherung, Analyse und Präsentation von Geodaten. Bei diesen handelt es sich um Daten mit räumlichem Bezug, also Koordinatenangaben zu einem bestimmten Ort. Sie umfassen einerseits diese Koordinaten und andererseits Sachinformationen, beispielsweise was sich zu welcher Zeit an diesem Ort befand oder noch befindet (Geodaten und Geoinformationssystem). Im Rahmen historischer Forschung werden GIS-Anwendungen vor allem zur Analyse und Darstellung von räumlichen Aspekten genutzt, beispielsweise um Reisewege von Herrschern zu visualisieren oder frühere Stadtbilder zu rekonstruieren. Weiterlesen-Systemen oder die statistische Auswertung mit Tabellenkalkulationsprogrammen muss oft keine Zeile Code geschrieben werden. Dennoch braucht es ein gewisses Grundverständnis für die Programmierung, um die Passfähigkeit der angebotenen Programme beurteilen, gar deren kompetente Nutzung zu ermöglichen. Da man die Arbeitsweise des Programms nachvollziehen können sollte, um die darin implementierten Methoden sicher auf den eigenen Forschungsgegenstand anwenden zu können. Vor allem aber sind für viele digitale Methoden erweiterte Kenntnisse notwendig. Wenn bspw. für ein zeitgeschichtliches Projekt Forenbeiträge gesammelt und automatisiert mit Topic-Modeling'Das Topic Modeling ist ein statistisches, auf Wahrscheinlichkeitsrechnung basierendes, Verfahren zur thematischen Exploration größerer Textsammlungen. Das Verfahren erzeugt 'Topics' zur Abbildung häufig gemeinsam vorkommender Wörter in einem Text.' (forTEXT) Weiterlesen-Methoden ausgewertet werden sollen, wird dies nicht ohne zumindest einige Zeilen Python-Code gehen.
Gerade als fachfremde*r Einsteiger*in sollte man sich aber stets der eigenen begrenzten Kenntnisse bewusst bleiben. Wie kein*e Informatiker*in durch Lektüre eines Einführungswerkes zur Quellenkritik Expert*in für historische Forschung wird, so wird auch kein*e Historiker*in durch ein paar Tutorials zur Programmierung Softwareentwickler*in. Die langfristige Entwicklung funktionaler, qualitativ hochwertiger und sicherer Software geht weiter über das reine Schreiben von Code hinaus. Bei aufwendigen Digital-History-Projekten, die zum Ziel haben, eine nachnutzbare Applikation bereitzustellen, ist es notwendig, passende Fachexpertise hinzuzuziehen. Um diesen Expert*innen dann die projektspezifischen, geschichtswissenschaftlichen Vorstellungen kommunizieren zu können, ist es wichtig, die Sichtweise der Softwareentwickler*innen nachvollziehen zu können, wobei eigene Programmiererfahrungen überaus hilfreich sind.
Aus Sicht der historisch arbeitenden Disziplinen kann das Programmieren und damit auch die Informatik mit althergebrachten Hilfs- bzw. Grundwissenschaften wie der Numismatik oder Diplomatik verglichen werden: Es ist ratsam, die grundlegenden Arbeitsweisen dieser Bereiche zu kennen und zu einem gewissen Grad auch auf den eigenen Forschungsgegenstand anwenden zu können, bei komplexeren Projekten aber die Expertise von dezidierten Fachleuten heranzuziehen.
