Anwendungsbeispiele: Digitale Quellenarten
Beispiel: Interview von Helena Schwinghammer, 2025
In diesem Interview berichtet die Doktorandin Helena Schwinghammer über ihre Erfahrungen mit digitalen Objekten im Rahmen ihres Dissertationsprojekts.
Kannst Du kurz dein Projekt vorstellen und sagen, was speziell der digitale Anteil daran war?
In meinem Dissertationsprojekt habe ich mich mit der Deindustrialisierung des Vogtlands, einer Region an der Grenze zwischen Bayern, Sachsen und Thüringen, beschäftigt. Das Vogtland ist geprägt von einer langen Tradition weiblicher Arbeit in der Textilindustrie. Ich habe die geschlechterhistorische Dimension dieser Deindustrialisierung untersucht. Mit Hilfe von Sozialdaten, konkret den Daten des deutschen Sozio-ökonomischen Panels (SOEP), konnte ich die Lebenswege von (ehemaligen) Textilarbeiterinnen in der Untersuchungsregion nachverfolgen. Seit 1984 befragt das SOEP jedes Jahr Tausende Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu verschiedenen Lebensbereichen. Dazu gehören Fragen zur Wohnsituation, zum Einkommen oder zum beruflichen Lebensweg, genauso wie Fragenkomplexe zu Ängsten, Sorgen oder zur Lebenszufriedenheit. Die Befragungen, die den Daten zugrunde liegen, wurden seit Ende der 1990er Jahre zunehmend digital durchgeführt und heute in rein digitaler Form den Nutzer:innen bereitgestellt. Die Arbeit mit den Daten erfordert daher einen sicheren Umgang mit der entsprechenden Statistiksoftware oder der Kenntnis einer Programmiersprache. Ich habe mit der Statistiksoftware Stata gearbeitet.
Stichwort Mehrwert: Was war nur möglich bzw. welche Vorteile gab es, weil Du digital gearbeitet hast?
Frauen in der Deindustrialisierung haben nur selten Archivquellen hinterlassen. Akten produzierten in erster Linie (männliche) Führungskräfte, während Arbeiterinnen in archivalischen Quellen häufig unsichtbar blieben. Nur mit Hilfe der SOEP-Daten war es möglich, auch weibliche Lebenswege in der vogtländischen Industrie nachzuverfolgen und ihre Perspektiven zu berücksichtigen. Durch die digitale Auswertung der Daten konnte ich die Lebenswege der Frauen nachzeichnen, ihre Sorgen und Ängste abbilden und weibliche Deindustrialisierung überhaupt erst greifbar machen. Hätte ich mich allein auf „analoge“ Quellen verlassen, hätte ich den Untersuchungsgegenstand nur unzureichend beleuchten können.
Musstest du beim Arbeiten mit digitalen im Gegensatz zu analogen Quellen spezifische methodische Herangehensweisen beachten?
Was Forscherinnen und Forschern immer bewusst sein muss, wenn sie mit Sozialdaten arbeiten, die sie nicht selbst erhoben haben, ist, dass ihr Erkenntniswert automatisch determiniert ist durch den Ansatz, die Methodik und die Umsetzung der Befragung selbst. Gerade in der Geschichtswissenschaft muss beachtet werden, dass auch Sozialwissenschaftler:innen nicht davor gefeit sind, Kinder ihrer Zeit zu sein. Das bedeutet, dass damalige Sichtweisen, Erfahrungen und Überzeugungen Einfluss haben konnten auf die Auswahl der Fragen oder auch der Teilnehmer:innen. Das SOEP beispielsweise hat in den ersten Jahren der Befragung wenig Wert auf die Berücksichtigung von Haus- bzw. Care-Arbeit gelegt, aber umso mehr auf die klassische Erwerbsarbeit. Gerade Bereiche, in denen vorrangig Frauen aktiv waren, lassen sich anhand der Daten aus den 1980er Jahren so bis heute weniger differenziert darstellen. Außerdem muss das Ziel der Datenbereitstellung beachtet werden. Für das SOEP ist das natürlich nicht die qualitative Auswertung durch eine Historikerin, sondern die quantitative, vergleichende Auswertung durch Soziolog:innen mittels digitaler Berechnungen. Ein Beispiel: Um Sozialdaten digital nutzbar zu machen, müssen sie (in der Regel) harmonisiert werden. Das heißt, Jobbezeichnungen werden vereinheitlicht und vercodet, Emotionen und Empfindungen auf Skalen abgebildet und Einkommen werden in Euro umgerechnet. Das hat den Vorteil, dass die Angaben durchsuchbar und vergleichbar werden. Gleichzeitig gehen dadurch aber auch Nuancen und Eigenheiten verloren, die für Historiker:innen interessant gewesen wären. Bezeichnete sich eine ostdeutsche Textilarbeiterin in der Befragung zum Beispiel in der DDR-Berufslogik als „Facharbeiterin für Näherzeugnisse“, wurde daraus nach mehreren Harmonisierungsschritten eine in der Bundesrepublik üblichere „Näherin“. Nutzte besagte „Näherin“ zum Beispiel auch im Jahr 1997 noch die DDR-Bezeichnung, sagt das mehr über ihr Selbstverständnis aus als nur die Angabe, dass die Frau eben Näharbeiten verrichtete. Man muss also durchaus inhaltliche Abstriche machen, wenn man mit diesen Daten arbeitet. Es gibt kein „Zwischen den Zeilen“ lesen, wenn es um Daten geht, die für die digitale Auswertung optimiert wurden.
Welche Herausforderungen haben sich bei der Nutzung digitaler Quellen ergeben?
Die Arbeit mit den SOEP-Daten hat eine ganze Reihe an Herausforderungen mit sich gebracht. Da die schiere Menge an Daten, die digital bereitgestellt wird, ohne die entsprechenden digitalen Auswertungstools gar nicht zu bewältigen ist, musste ich mich zunächst recht intensiv in die Statistiksoftware und die Datenstruktur des SOEP einarbeiten. Zu lernen, welche Befehle in welcher Form eingegeben werden müssen, damit tatsächlich auch das ausgegeben wird, was ich suche, war eine der schwersten Aufgaben. Versteht man die Prozesse nicht, mit denen das Programm die Daten auswertet, oder weiß man nicht, in welchem digitalen Datensatz welche Informationen zu finden sind, ist es zudem kaum möglich, Fehler zu erkennen und auszubügeln. Außerdem werden die Erzählungen der Teilnehmer:innen während der Befragungen in Zahlenformate gegossen, um sie überhaupt erst digital auswertbar zu machen. Diese Zahlen dann wieder in eine biografische Erzählung „rückzuübersetzen“, damit sie in ein geschichtswissenschaftliches Buch passen und sich mit anderen archivalischen Quellen verbinden lassen, war ebenfalls herausfordernd.
Wurde bereits während deines Studiums der Umgang mit digitalen Quellen behandelt bzw. würdest du dir eine stärkere Beachtung des Themas im Studium wünschen?
In meinem Studium spielte der Umgang mit digitalen Quellen kaum eine Rolle. Am präsentesten war noch die Arbeit mit audiovisuellen Medien. Die Auswertung digitaler Daten habe ich bedauerlicherweise gar nicht gelernt. Ich fände es aber sehr wichtig, wenn dieses Thema gerade in der Zeitgeschichte stärker vermittelt werden würde. Digitale Datensätze wurden spätestens seit den 1970er Jahren in riesigen Mengen produziert – vorrangig natürlich von den Sozialwissenschaften, aber auch von Ämtern, Behörden oder Consulting-Unternehmen. Diese Quellen zu ignorieren, halte ich für eine vertane Chance. Das ist, als würde man einen wichtigen archivalischen Quellenbestand nicht beachten, nur weil man dafür den Microfich-Scanner benutzen müsste. Historiker:innen sollten den Anspruch haben, alle ihnen zur Verfügung stehenden Quellen zu berücksichtigen. Doch dafür müssen sie zunächst das Handwerk lernen – und das am besten schon im Studium.
